Aus dem Nachwort der Sültmann Chronik

Die Familie ist ein Staat im Kleinen. Was für ein Volk seine Geschichte bedeutet, bedeutet für den Einzelnen seine Familienkunde. Wir sind in allen Stücken, nach unserer körperlichen Verfassung wie nach unseren geistigen Anlagen, mit unseren guten und schlechten Eigenschaften Erben unserer Vorfahren, und es gewährt den gleichen Reiz, diese Vorbedingungen zu erforschen wie sich in den Werdegang seines Volkes zu vertiefen. Um so lieber werden wir den Grundlagen unseres Wesen nachsinnen, je älter wir werden und je klarer der Zusammenhang mit denen von denen wir abstammen, hervortritt. Wenn sich Gesichtsausdruck und Wesensart erfahrungsgemäß innerhalb eines Stammes erhalten, muß die Folgerung berechtigt sein, daß auch durch eine Familie gewisse durch die Jahrhunderte gleichbleibende Züge hindurchlaufen, und wenn Bildnisse unserer Stammväter und Stammütter etwa aus dem 16. Jahrhundert vorlägen, würde sich wahrscheinlich eine Aehnlichkeit mit unserem lebenden Geschlechte erkennen lassen. Von bestimmendem Einfluß auf den Charakter der Nachkommen sind die Eigenschaften, welche die Vorfahren mitbrachten, ihrer Sonderart gemäß umgestalteten und in eigener Lebensarbeit hinzu entwickelten, einem Einfluß, dem sich Enkel und Urenkel auf keine Weise ganz entziehen können. Wenn W. H. Riehl den Satz aufstellt: „Geschichtslosigkeit in der Familie erzeugt Geschichtslosigkeit in Staat und Gesellschaft", eine Behauptung, deren bittere Wahrheit sich in der neuesten Zeit durch die Stellungnahme der entwurzelten Großstadtmassen zu unserer ()deutschen Vergangenheit erschütternd erwiesen hat, so muß es allezeit ein ernstes Anliegen der das Vaterland tragenden Familien sein, sich in lebendiger Erinnerung an ihre Vorväter Einsicht in die wahrhaft aufbauenden und erhaltenden körperlichen und moralischen Kräfte zu verschaffen und die schädlichen Anlagen zu unterdrücken. Wo liebevolle Hände von Kind zu Kindeskind die Gräber der Vorfahren pflegen, da berühren sich lebendig Vergangenheit und Gegenwart. Ueber den Gräbern berühren ist aber auch Zeit und Ewigkeit. Unser Dasein quillt hervor aus verborgenen Tiefen und mündet wieder in die Ewigkeit. Erst das gibt unserem Leben bleibenden Wert, wenn wir das Ewige hineinbauen in unsere flüchtigen Erdentage.

Wohl dem, der seiner Väter gern gedenkt.

(Goethe.)